Kapiel 14
Samstag, 25. November 2023
Garibaldi Gletscher / Chile
Das ungemütliche Wetter wird uns jetzt auf der gesamten Tour in die Chilenischen Fjorde mehr oder weniger begleiten: kalt, grau, windig und regnerisch.


Gegen 8.00 Uhr erreicht die Spirit nach einer sehr unruhigen Fahrt durch die Magellanstrasse den Garibaldi Fjord mit seinem Gletscher. Eine gewaltige Wand aus teils blaugrünem teils klarem weissem Eis erhebt sich vor uns. Sein besonderes Merkmal ist eine Mittelmoräne, wie eine Nähnaht fügt sie zwei separate Eisströme zusammen.

Der Garibaldi-Gletscher ist jedoch nicht der einzige Gletscher im Fjord, denn das Tal wird von zahlreichen kleineren Gletschern gesäumt. Die Talwände sind nicht nur von Eis bedeckt, auch die Pflanzenwelt fand im Laufe der Zeit erstaunliche Wege, in dieser kalten, rauen Umgebung zu überleben. Die Vegetation beschränkt sich nicht nur auf die Talwände, wie die dichten Wälder auf den Berggipfel des Parks beweisen.


Auf den Gewässern des Fjords treiben viele kleine Eisberge, die durch die Gletscherkalbung entstanden sind.


Plötzlich erscheint die Sonne durch die graue Wolkendecke und das Farbenspiel von grünem Wasser, blaugrünem Eis und der sich im Wasser spiegelten Bergkette ist einfach umwerfend.

Einen kleinen Wermutstropfen gibt es: Die Tatsache, dass der Sturm, der vom Gletscher herunterweht zum Teil 40km stark ist, drückt unser Schiff immer wieder aus der Bucht. Die geplante Zodiactour ist nicht möglich und muss ausfallen.
Unser Expeditionsleiter hat einen Plan B. Er hat eine kleine Insel entdeckt, die Isla Pirincho (was soviel wie leicht verrückter grosser Mann mit abstehenden Ohren bedeutet), die bei Ebbe durch einen kleinen Damm mit dem Festland verbunden ist.

Von dort aus gelangt man durch einen dichten Patagonischen Wald bis zum Gipfel, von wo aus sich ein schöner Blick auf den Garibaldi Fjord und seine Gletscher und Wasserfälle bietet. Am Strand, der teilweise gummistiefeltief überspült ist, sind grosse Eisbrocken vom Gletscher gestrandet. Wir haben eine Stunde Zeit das kleine Eiland zu erkunden.
Urs und ich schauen uns kurz „die Uferpromenade“ an und versuchen dann auf einem, von unserem Field Staff und Wanderführer Günther ausgeflaggtem Pfad, hinauf bis zur Bergspitze zu gelangen.

Viel Zeit bleibt uns allerdings nicht, denn die Spirit lichtet den Anker und nimmt um 13.00 Uhr Kurs auf Punta Arenas.
Das Mittagessen findet heute auf dem Pool Deck statt: Pølser Lunch, eine Dänische Variante des Hotdogs, Eintopf, Pata Nedra Schinken und viele andere europäische Spezialitäten. Dazu wahlweise Rot – Weisswein, Champagner, Bier und Nichtalkoholisches. Zum Nachtisch gibt es Kaiserschmarren mit Apfelmus und/oder eingelegte Pflaumen. Das Essen ist sehr gut, jedoch fragen wir uns, warum gibt es keinen argentinischen, chilenischen Lunch? Wir hatten uns schon zu Beginn der Reise gefreut, dass wir das Oktoberfest auf dem Schiff umgehen konnten (es fand auf der Atlantik-Überquerung statt), nun müssen wir die dänische Variante erleben.

Der Nachmittag ist mit Vorträgen ausgefüllt. Den Anfang macht Herr Dr. Mieth über die Naturlandschaften im Süden Chiles mit ihrer Tier-und Pflanzenwelt.
Die Landschaften des chilenischen Südens gehören zu den eindrucksvollsten Naturräumen der Erde. Jede dieser Landschaften besitzt einen grossen Reichtum an Tieren und Pflanzen. Durch die Steppen ziehen Guanako-Herden. Auf vorgelagerten Inseln nisten tausende von Pinguinen. In alten Südbuchenwäldern wachsen Magellan-Orchideen und farbenprächtige Pantoffelblumen. Andreas Mieth führt uns in die Fjorde von Magallanes, in den Nationalpark Torres del Paine, in die patagonische Steppe und die Region Los Lagos.
Ein weiterer Vortrag folgt um 17:00. Unser Landeskundler Christian Walter macht uns mit Magellan und der Magellanstraße bekannt. Zunächst einmal geht es um Portugals Vorgeschichte zur Inbesitznahme des Gewürzhandels. Gewürze, das Gold des Mittelalters, war die treibende Kraft zur Erforschung der Meere. Mit der Ablehnung eines Projektes von Magellan durch den portugiesischen König, eine neue schnellere Schiffspassage für den Gewürzhandel zu finden, sah sich Magellan genötigt den spanischen König Karl I. um Hilfe zu bitten. Ihm wurden fünf Schiffe mit 360 Mann Besatzung zur Verfügung gestellt, allerdings drei mit Verwandten oder Bediensteten des Bischofs Fonseca. Diese Mannschaft versuchte mehrfach gegen Magellan zu meutern. Doch die Durchquerung der Magellanstrasse gelang. Erst nach diesem Erfolg begann der schwierigste Teil der Reise, die Fahrt quer durch die Südsee. Sein Bordbiograf Antonio Pigafetta dokumentierte alle Ereignisse auf den Schiffen minutiös. In einem Zeitraum von fast vier Monaten wurden nur zwei Atolle gesichtet, aber nicht betreten. Magellan starb am 27.04.1521 während des Versuchs, einen lokalen Häuptling zu entmachten. Sein Schiff Victoria kehrte am 06.09.1522 mit nur noch 18 Mann der ursprünglichen Besatzung nach Spanien zurück. Die Magellanstraße war bis Anfang des 20. Jahrhundert ein bedeutsamer Handelsweg für die Schifffahrt. Mit der Fertigstellung des Panamakanals gab es ab 1914 eine einfachere und schnellere Verbindung zwischen dem Atlantik und Pazifik.
Unser Tag war ereignisreich und Urs und ich ziehen uns nach dem Abendessen in unsere Kabine zurück, um alle Eindrücke zu rekapitulieren und die Fotos zu sortieren.