2023.17 SA

Kapitel 11

Mittwoch, 22. November 2023


Isla de los Estados, Nordküste

Als wir heute morgen erwachen, erblicken wir einen blauen Himmel und strahlenden Sonnenschein. Das Wasser der Meeresbucht spiegelt grün-blau und wir glauben uns auf einem Bergsee zu befinden. Wir müssen uns beeilen, da die erste Ausbootung schon um 7.45 Uhr beginnt.

Die Zodiacs landen in der Bucht von Puerto Cook. Unser Plan ist es von dem Fjord im Norden über die Insel zum anderen Fjord auf der Südseite der Insel zu laufen. Das sind 600 Meter und das Wetter ist hervorragend.

Die Isola Estada war zwischen 1889 – 1902 ein Gefangenenlager mit dem Namen Puerto Cook. Auf einer Ebene direkt am Strand, flankiert von zwei grossen Bergmassiven wurde ein Gefängnisgebäude neben Holz- und Blechhäusern errichtet, in denen das Gefängnispersonal wohnte. Das eigentliche Gefängnis schloss sich dann an. Im Laufe der Zeit stellte man fest, dass die Örtlichkeit sich anscheinend nicht gut eignete und man beschloss das Gefängnis nach Ushuaia zu verlegen.

Zum Zeitpunkt dieser Verlegung, am 6. Dezember 1902, meuterte eine Gruppe von Gefangenen, und 51 von ihnen gelang die Flucht in drei Booten. Die Flucht war nicht sehr erfolgreich, da es nur einem Boot gelang, Feuerland zu erreichen, während die beiden anderen Schiffbruch erlitten.
Von den 51 Flüchtigen wurden 39 gefangen genommen, von denen sieben starben und nur fünf erneut fliehen konnten. Die Meuterer wurden in Buenos Aires vor ein Kriegsgericht gestellt und zu weiteren Haftstrafen verurteilt, diesmal im berüchtigten Ushuaia-Gefängnis.

An dieses Ereignis erinnern heute nur noch Reste eines Gebäudes und eine Toilettenanlage mit wunderbarem Ausblick(!) an unserer Zodiac-Anlegestelle. Ein kleiner fast gänzlich überwachsener Friedhof, auf dem die hier auf der Insel gestorbenen Gefangenen und Wärter beigesetzt sind, berührt uns sehr in dieser Einsamkeit.

Der leicht bergauf führende Weg bringt uns zum höchsten Punkt der Wanderung, von wo aus wir einen unvergleichlichen Blick auf den Fjord von Puerto Vancouver haben. Steil ist der Abstieg und bald stehen wir am Ufer von Puerto Vancouver. Der Strand ist von wunderschönen Kieselsteinen bedeckt

und rechts und links erheben sich mächtige Berggipfel,

von denen einer das Aussehen des Matterhorns hat. Ich taufe ihn: Das Matterhorn der Isola de los Estados, was sehr schnell in aller Munde ist.

Lange können wir nicht bleiben, denn um 12.00 Uhr lichtet die Spirit den Anker und begibt sich nach Karo San Juan del Salvamento (Isola de los Estados).

Plötzlich ändert sich das Wetter: Heftige Windböen rütteln am Schiff, kalter Nebel hüllt es ein und es beginnt zu regnen. So schnell wie diese Wetterlage beginnt, so schnell ist sie auch wieder vorbei: Plötzlich lacht die Sonne wieder und die Farben von Meer und grüner Natur erstrahlen wieder! Das Ziel unserer Zodiac-Anlandung ist der Farm San Juan de Sacramento, auch bekannt als ältester Leuchtturm Argentiniens. Jules Vernes Roman „Le Phare au bout du Monde“ machte ihn berühmt.

Die Anlandung mit den Schlauchbooten erweist sich nicht einfach: Die groben, rutschigen grossen Kieselsteinen lassen manchen stolpern und auch der Anstieg in einem schmalen Trampelpfad zwischen 30-45 Minuten durch struppige Vegetation, Südbuchenwald und Matsch ist eine Herausforderung. Aber mit sehr schönen Aussichten!

Unser Experte Dr. Lauenstein vermittelt uns das Hintergrundwissen:
Der Bau des Leuchtturms geht auf das Jahr 1884 zurück. Der Leuchtturm war ein 16-eckiges Haus aus Lenga-Holz, knapp 5 m hoch (mit der Metallkugel etwas über 6 m) und 9 m im Durchmesser. Das Licht wurde von 8 festen Petroleumlampen hinter Fenstern mit Fresnellinsen erzeugt.

Der Standort des Leuchtturms bot jedoch keine gute Sicht auf seinen Lichtstrahl. Obwohl er 60 Meter über dem Meeresspiegel lag, war das Licht der Öllampen sehr schwach. Aus diesem Grund beschloss man, den Leuchtturm etwas weiter nördlich auf der Observatoriums Insel zu errichten.
Der Leuchtturm wurde am 1. Oktober 1902 ausser Betrieb genommen, am gleichen Tag wurde der Leuchtturm Año Nuevo in Betrieb genommen wurde.
Der ursprüngliche Leuchtturm wurde aufgegeben und lag fast ein Jahrhundert lang in Trümmern. 1994 wurden die Überreste von dem französischen Seefahrer André Bronner besucht, der sich, fasziniert von Jules Vernes Roman, auf die Suche nach dem „Leuchtturm am Ende der Welt“ machte. Er beschloss, das Projekt des Wiederaufbaus des Leuchtturms in Angriff zu nehmen.
Anhand von Dokumenten und Fotografien aus der damaligen Zeit wurden Forschungsarbeiten durchgeführt, um den ursprünglichen Entwurf des Gebäudes wiederherzustellen. Die Nachbildung gibt die ursprüngliche Form des Gebäudes getreu wieder. Und so ist der heutige Leuchtturm ein achteckiges Gebäude mit einer Gesamthöhe von 6,50 m, das auf einem Felsvorsprung 60 m über dem Meeresspiegel steht. Es ist aus Zedernholz gebaut und hat ein Zinkdach, das von einer Kugel aus demselben Material gekrönt wird.

Wir schauen uns im Innern des kleinen Gebäudes um und machen uns auf den Rückweg zur Landungsstelle unseres Zodiacs.

Jedoch so schnell das schöne Wetter bei der Ankunft gekommen ist, so schnell ist es wieder vorbei: Windböen von bis zu 40 Knoten verhindern eine sichere Überfahrt, sie muss immer wieder eingestellt werden und wir erreichen das Schiff triefend vor Nässe.

Verabschieden tut sich die Isla de los Estados von uns mit einem eiskalten Wind und Schnee-Regen-Graupel-Schauern.
Aber was ist das im Vergleich zu den vielen Eindrücken von einer uns zuvor völlig unbekannten Insel nahe Feuerlands.

Bei Ankunft auf dem Schiff gibt es wie immer zunächst eine „Erwärmung“, dann wird die Expeditionskleidung ausgezogen und für die nächsten Tage eingeräumt.

Um 18.00 Uhr verlässt die Hanseatic die Isola de los Estados und nimmt Kurs auf Ushuaia.

Vor dem Abendessen gibt es noch ein Precap über die nächsten beiden Ziele und unser Biologe Herr Dr. Mieth berichtet noch Anekdotisches über Rockhopper-Pinguine. Unsere Geologie Expertin Frau Dombrowski zeigt im Anschluss mit vollem Körpereinsatz warum Pinguine „watscheln“.
Zum Abschluss dürfen wir abstimmen, ob die „weissen Steine“, die wir überall am Küstenrand sahen, von Salz, Kalk, Flechten oder Kokain überzogen sind. Und wie so oft in der Wissenschaft: Vier Experten, vier Meiningen! (Es sind übrigens Flechten?!)
Müde begeben wir uns nach diesem ereignisreichen Zodiac-Tag in unsere Kabinen und lassen Den Captain’s-Talk im HanseAtrium aus.