28.03.2014 Cochin
Als wir unsere Reise zusammenstellten und Kataloge wälzten, stellten wir fest, dass alle Kreuzfahrttouren mit Indien im Programm immer Cochin anlaufen. Wir fragten uns damals warum Cochin? Nun wissen wir es! Cochin ist seit der Antike, dann dem Mittelalter bis in die Neuzeit, das Gateway für Indien: Phöniker, Griechen, Portugiesen, Holländer, Engländer kamen hier an, um Handel zu treiben. Cochin, an der indischen Malabarküste, besitzt einen der größten Naturhäfen der Welt. Alle hinterließen Spuren. Heute die Kreuzfahrtschiffe ebenfalls. Wir legten am Freitag, dem 28.03.2014 an der Pier „Ernakulam Channel Q7“ um 18.00 Uhr an und bekamen sofort die indische Bürokratie zu spüren. Trotz des Visums in unseren Pässen mussten alle Passagiere und die Besatzung in der Lounge zur Gesichtskontrolle an den Immigrationsmitarbeiter zur „facecontrol“ vorbei marschieren. Natürlich gab’s dann nochmals einen Stempel auf ein Landgangspapier. Wir verließen an diesem Abend das Schiff nicht mehr, da es eine indische Folklore Darbietung auf dem Schiff gab: Kathakali ist ein ausdrucksstarkes Tanztheater mit Musik, das es in dieser Form nur in Südindien gibt. Die Schauspieler, ausschließlich Männer, sind stark geschminkt. Die Wahl der Gesichtsfarben und die Kostüme widerspiegeln den Typ der Darsteller und unterscheiden Schurken und Dämonen von Weisen und Königen. Für uns war es sehr eigenartig und der Inhalt schwer zu verstehen. Aber es ist ein Teil der indischen Kultur und gehört sicherlich auch zum Verständnis dieses Kulturbereichs.
Für den nächsten Tag hatten wir eine Fahrt in das ländliche Kerala gebucht. Cochin ist die Hauptstadt des südlichsten, kleinsten und am dichtesten besiedelten Bundesstaates Indiens: Kerala. Wir fuhren mit dem Bus zunächst zu einer Baumwollweberei und bewunderten die Fingerfertigkeit der Frauen an den Webstühlen. Im Anschluss ging’s zu dem ältesten Hindu-Tempel, der dem Gott Shiva geweiht ist. Wir mussten die Schuhe ausziehen, diese ließen wir im Bus und marschierten mit einer Art Überschuhe durch die sich über eine große Landfläche erstreckende Anlage. Der Tempel wurde von vielen Pilgern besucht, die an vielen Stellen beteten und verschiedene Rituale vollzogen. Uns beiden war es peinlich als Tourist hier aufzutreten und wir waren froh, als wir wieder im Bus saßen. Anderen Kreuzfahrer machte dies nichts aus, im Gegenteil sie beschwerten sich heftigst, dass sie nicht ins Allerheiligste durften um dort die Pilger bei der Reinigungszeremonie fotografieren zu dürfen, sie hatten ja für diesen Ausflug bezahlt.
Weiter ging’s mit dem Bus in ein kleines indisches Dorf, in dem uns die Dorfbewohner zeigten, was sie alles aus der Kokospalme nur mit den Händen herstellen: Seile, Dachbedeckungen aus den Wedeln, Matten, Besen und ein Art alkoholisiertes Jogurt Getränk. Weiterhin gab es Töpfern und eine Kochdemonstration mit typischen indischen Gerichten, die wir auch gleich probierten.
Die Besichtigung des kleinen Dorfmarktes war nichts für schwache Nerven: An den Fleischständen hing das frisch geschlachtete noch blutende Fleisch. Daneben gab es noch Obst-und Gemüsestände und eine kleine „Pastafabrik“. Urs hatte Lust auf zwei frische Bananen. Er ging zu einem sehr ärmlichen Stand und fragte nach zwei Bananen und dem Preis. Der Mann gab sie ihm und wollte kein Geld….Er schenkte sie ihm als Gast!
Der Vergleich zu unserer Tempelauseinandersetzung wegen des Fotografierens drängte sich auf!
Nach einem kleinen Fußmarsch ging es zu kleinen Wasserkanälen (im Gebiet der für diese Gegend typischen Backwaters), wir stiegen in Langboote und wurden durch eine sehr schöne Wasserlandschaft vorbei an kleinen Häusern gerudert. An der Anlegestelle warteten schon Tuktuks (motorisierte Rikschas), die uns zum Bus zurück brachten, mit dem wir dann zum Schiff zurück fuhren. Es war ein sehr informativer und schöner Vormittag.
Am Nachmittag verließen wir das Schiff auf eigene Faust, um ins jüdische Viertel Mattancherry zu gehen, dort die Synagoge (aus dem Jahr 1568) und den Dutch Palace (der 1557 von den Portugiesen erbaut wurde und im 17.Jhrdt von den Holländern erweitert wurde) zu besichtigen. Aber wir hatten die Rechnung ohne die Tuktuk Fahrer gemacht. Sie stürzten sich auf uns in ungeheurerer Menge, weil jeder das Geschäft machen wollte, wir flüchteten, sie verfolgten uns und trieben uns vor sich her mit einem ungeheuren Geschrei. Ich war völlig genervt und sah am Straßenrand ein Tuktuk, dessen Fahrer sich nicht an diesem Auflauf beteiligte. Wir stiegen mit letzter Kraft in sein Tuktuk und ab ging die Fahrt. Er brachte uns zu den beiden Gebäuden, blieb aber immer an unseren Fersen, so dass ich überhaupt keine Lust mehr hatte, durch den Stadtteil Mattancherry mit seinen vielen kleinen Geschäften mit Kunstgegenständen zu bummeln. Wir ließen uns im Anschluss zurück zum Schiff bringen, wo wir den Abend in netten Gesprächen auf der Terrasse des Lido-Café verbrachten.
Montag, 31.04.2014
Mumbai/Indien
Dass die Uhren in Indien anders ticken, als bei uns, bekamen wir heute zu spüren! Wir hatten von der Hafenbehörde ein bestimmtes Zeitfenster zum Anlegen bekommen: 10.00 Uhr. Jedoch wurde dies von Seiten der Hafenbehörden kurzfristig umgestoßen. Ein Autotransporter wurde uns vorgezogen, der ja auch wesentlich notwendiger ist als ein paar Kreuzfahrttouristen. Wir mussten warten, bis dieser in den Hafen eingelaufen war und an der Pier neben uns festgemacht hatte. Dann erst kamen wir dran! Die Folge war, dass alle Ausflüge verspätet begannen oder auch nicht, da es zu spät war. Natürlich musste das Procedere „facecontrol“ in der Lounge wieder durchgeführt werden: Alle Passagiere und Crewmitglieder spazierten an der Einwanderungsbehörde vorbei, wurden inspiziert und bekamen einen Landgangsschein (natürlich mit Stempel und Unterschrift). Nun durften wir das Schiff verlassen, aber an der Gangway standen drei Polizisten, die uns wieder kontrollierten. Auf dem Fußweg zu unserem Bus, 150 Meter vom Schiff entfernt, stand eine weitere Polizeikontrolle. Also wiederum eine Kontrolle. Als der Bus, der mit uns eine Panoramafahrt machte, das Hafengelände verlassen wollte, stieg ein indischer Beamte ein und kontrollierte die Landgangsscheine zum dritten Mal!
Wir sahen darin eine gute Arbeitsbeschaffungsmaßnahme des Staates.
Der Bus brachte uns in die Innenstadt zu den markantesten Punkten einer Stadt mit ungefähr 20 Millionen Einwohner, mit 40% Einwohner die unter dem Lebensminimum leben, aber mit der höchsten Millionär- und Milliadärsdichte Indiens. Und das spiegelt sich auch in der Stadt wieder: Man sieht neben den ehemaligen britischen Kolonialbauten supermoderne Wolkenkratzer, daneben zerfallene schmutzige Mehrfamilienhäuser, Menschen, die auf dem Bürgersteig leben und Müll, überall Berge von Müll. Der Bus brachte uns kein Glück. Nach einer halben Stunde Fahrt blieb er plötzlich stehen: Die Klimaanlage war defekt und bei so hoher Außentemperatur hält man es als Europäer im Bus nicht aus. Also musste ein neuer Bus her. Die Zeit bis er kam standen wir auf der Straße in einem Wahnsinnsverkehr (obwohl man uns erklärte, dass der Verkehr an diesem Tag wegen eines Hindufeiertags wenig sei!): Autos, Busse, Motorräder, Fußgänger, Kühe, kleine bettelnde Kinder, LKWs….. Nach einer ½ Stunde des Wartens, erschien der Ersatzbus und weiter ging’s. Die indische Guide war eine nette Frau, sie sprach gebrochen Deutsch, nuschelte aber schrecklich ins Mikrofon, so dass ich fast nichts verstand. Nach einiger Zeit gab ich es auf zuzuhören und betrachtete intensiver die Straßen und Gebäude der Stadt. Ich würde Mumbai den Beinamen: „Stadt des Zerfalls“ geben, denn überall selbst in den modernen und teuren Vierteln „bröckelt“ es! Aber es ist auch eine grüne Stadt. Die Vegetation überwächst und „verschleiert“ manchen Schutt-und Müllhaufen, so dass es fast malerisch wirkt. Wir statteten auch einen Besuch in der größten Wäscherei Mumbais ab. Hier wird mehr oder weniger die gesamte Wäsche der Bewohner Mumbais gewaschen, natürlich von denjenigen, die es sich leisten können. Die Bedingungen sind einfach katastrophal. Die Wäsche ist blitzsauber, aber die Menschen(der untersten Kaste: das Kastensystem funktioniert trotz Verbot immer noch) stehen den ganzen Tag in heißer Lauge und schrubben per Hand die Wäsche. Sieben Tage die Woche und 365 Tage im Jahr. Das Ganze zu Hungerlöhnen!
Den Eindruck des chaotischen Verkehrs und des Wirrwarrs von Mensch, Tier, Waren und Autos erlebten wir dann hautnah, wirklich hautnah, beim Besuch von drei großen Märkten am Nachmittag. Man kann kaum das Miteinander von grellen Farben, Gerüchen, Menschengedränge, Müll, Geschrei, Bettelei, Staub, Autos, Bussen, Kühen und Kuhfladen
beschreiben. Wir standen einfach da und staunten. Für mich war es schier unmöglich am Stand etwas zu kaufen, da die Lautstärke und das Gedränge zu heftig waren. Von den Waren gab es alles: Lebensmittel, Kleider, Schmuck, Geschirr, Parfum, Hundebabys, Papageie, Tierfutter, Lederwaren, Blumen, lebende Kaninchen, Gemüse, Obst, Süßigkeiten, Räucherstäbchen, Fahnen usw. Ein besonderes Highlight sind die herumirrenden Kühe und die Menge der Krähen. Beide Tierarten sind heilig und werden ständig von Gläubigen gefüttert, was natürlich zu Fäkalien auf der Straße, dem Bürgersteig, den Budendächern und manchmal auch auf dem Kopf eines Passanten führt. Nachdem wir all diese Eindrücke aufgenommen hatten, ging es wieder zum Schiff zurück, übrigens das ganze Procedere der Polizeikontrolle jetzt umgekehrt wieder. Das Schiff hatte sich seit Sri Lanka auch verändert: Die Reling auf Deck 5 ist mit Stacheldraht bedeckt, Feuerwehrspritzen liegen zur Abwehr auf dem Deck, eine Gruppe von 10 englischen Sicherheitsleuten weilt an Bord und schult die Angestellten für den Ernstfall und alle Fenster müssen abends mit Gardinen verhüllt werden. Nun gleicht die Columbus einem Geisterschiff! Wir fahren jetzt in das Piratengebiet und müssen Sicherheitsregeln beachten. Ich bin sicher, manch ein Kreuzfahrgast würde gerne nun einen Piratenüberfall erleben, aber halt nur so wie im Kino! Unser nächsten Ziel ist Dubai, leider unser Aussteighafen. Aber es geht weiter, in den Oman!






































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