2018.12 Atlantiküberquerung

12.05.2018 

Heute Nacht erwachte ich durch ein ungewohntes heftiges Schaukeln. Mir war sofort klar: Wir haben das Mündungsdelta des Amazonas verlassen und sind auf dem Atlantik. Eine andere Tatsache stellte sich dann aber auch sehr schnell ein: Mir ging es immer schlechter: Seekrankheit. Das Pflaster musste her und frische Luft. Bis zum späten Nachmittag ging es mir richtig schlecht. Dann schleppte ich mich nach draussen und verbrachte fast 2 Stunden ununterbrochen im Freien. Nun war die Übelkeit nicht mehr so schlimm, aber überwunden habe ich die Angelegenheit noch nicht! Schade, heute Abend ist BBQ am Lido, da werde ich wahrscheinlich passen müssen!

Nein, ich musste nicht passen. Die Luft und das Pflaster haben mir so sehr geholfen, dass ich zur BBQ Party gehen konnte und sogar Kleinigkeiten aß. Es war eine sehr gute Stimmung an unserem Tisch, die mich diese verdammte Übelkeit und den Schwindel vergessen ließ. Ich konnte auch feststellen, dass ich nicht die einzige mit Handicap bin/war und dies hebt auch etwas die Stimmung!

13.05.2018

 

Nach einer gut durchgeschlafenen Nacht und fast ohne die typischen Symptome der Seekrankheit fühlte ich mich heute wieder fast topfit. Urs und ich verbrachten den Morgen und späten Nachmittag auf dem Deck. Es war ein wunderschöner Tag auf dem Atlantik: Dunkelblaues Wasser, Sonnenschein und ein kleiner kühler Wind, der angenehme Frische bot. Wir lasen, schwatzten und hörten dem Rauschen der Wellen zu! Nun haben wir drei unterschiedliche Farben des Wassers gesehen: Schwarzwasser (Rio Negro), Braunwasser (Amazonas) und jetzt das Königsblau des Atlantiks!

Heute haben wir eine Einladung zum Nachtessen beim Schiffsarzt bekommen. Wie wir zu dieser Ehre kommen, ist uns nicht klar! Ist es weil wir so wenig zum Arzt gehen oder ist es, weil unser Tisch sich zur Rentnergang entwickelt hat??!! Ich werde berichten.

14.05.2018

 

Das Abendessen am gestrigen Abend fand in sehr lockerer Atmosphäre statt, obwohl Urs es sich nicht nehmen ließ mit Krawatte und Jackett zu erscheinen. Der Doc ist ein sehr ruhiger, etwas steifer Mensch, aber dagegen ist seine Frau sehr aufgeschlossen und lustig. Da wir alle die Seekrankheit mehr oder weniger verarbeitet hatten, konnten wir das Essen und die Weine genießen. Für uns Frauen gab es beim Verlassen des Restaurants noch eine Überraschung: Ein Glas Champagner rosé! Wir Frauen vom Tisch 37 hatten am Morgen rebelliert. Der Vatertag wurde groß gefeiert und den Muttertag hatten die Verantwortlichen vergessen????

Anscheinend schlug dies auf fruchtigen Boden. Die Präsentation am Abend bei Kerzenschein und roten Rosen war sehr romantisch! Im Anschluss gab es noch ein Konzert mit argentinischen Lieder, das Urs und ich schwänzten. Wir genossen lieber die milde Nacht und den wilden Atlantik draußen an der Reling.

Der heutige Tag begann mit einem Traumwetter: Strahlender Sonnenschein, blauer Himmel fast ohne Wolken, 26 Grad, dunkelblaues Meer, kleiner Wellengang. Wenn die Bugwelle kippte, ergoss sich ein Wirbel aus weißem Schaum und türkisfarbenem Wasser auf den Atlantik. Wir verbrachten den ganzen Tag draußen. Wir faulenzten, lasen und ließen es uns gut gehen. Am Vormittag besuchte ich ein Workshop mit einer Lifestyle Expertin: „Gehen, Stehen, Körpersprache, Stimme und die Kunst des Smalltalks“. Es war sehr lustig, denn danach spazierten die TeilnehmerInnen wie Models durchs Schiff……In ein paar Minuten gehen wir, nein wir schreiten, zum Abendessen. Nach dem Essen werden wir im Club eine Veranstaltung besuchen: 100 Jahre Irland, Romance & Revolution. Auch hoffen wir auf einen Prachtsonnenuntergang und eine warme Sternennacht!

15.05.2018

Das gestrige Abendessen trug den Titel „Heute mal anders….“Wir wurden von der „oberen Etage“ = dem Kapitän und seinen Offizieren bedient. An unserem Tisch wurden wir von der Zahlmeisterin, einer junge Frau aus Trier, bedient. Es war sehr lustig, da einiges auch schief lief und es zu einigen Diskussionen kam! Der Kapitän stand am Kochtopf mitten im Restaurant. Wir hatten den Eindruck, dass er diese Rolle sehr liebte. Wie oben schon erwähnt „schritten“ wir dann zum Konzert: Alte irische Lieder, das eine und andere Lied auch zum Mitsingen. Und sehr lautstark flogen alte Lieder in die dunkle Atlantiknacht. Wir sind nun seit letzten Samstag (also den 4.Tag) auf dem Meer unterwegs und haben bis jetzt kein einziges Schiff gesehen. Es gibt nur Wasser, springende Fische und eine Möwe. Ein Passagier, ein ehemaliger Kapitän, erklärte mir, dass nur einzelne Bereiche der Meere stark befahren sind z.B. der Nordatlantik, sonst wären die Meere leer. Ich halte jeden Tag Ausschau nach Walen, aber nichts…Deshalb gehe ich nun zum Vortrag: “Wale-Giganten“ der Meere!

Der Vortrag hat mir noch mehr Lust „auf Wale“ gemacht. Vielleicht ergibt sich die Chance!

Der Titel meines zweiten Workshops heute lautete: „Der gedeckte Tisch“. Nun weiss ich, was ich alles am Tisch falsch mache und machen kann! Ich frage mich nur, wenn ich mir diese Regeln zu Herzen nehme, ob mir das Essen dann noch schmeckt!

Was Wetter hat umgeschlagen: Es ist etwas kühler und grauer Dunst/Nebel liegt über dem Atlantik. Dennoch geniessen wir beide die Fahrt!

16.05.2018

Obwohl das Schiff immer noch auf dem geographischen „Niveau“ von Senegal ist, ist es wesentlich kühler als die Tage zuvor! Es geht uns gut, sogar sehr gut! Urs ist am Fuss etwas lädiert, aber das wird schon…Wir befinden uns die meiste Zeit draußen an der Reling, es ist schön, den Fahrtwind zu spüren, die hohen Wellen zu beobachten und Ausschau nach Walen zu halten. Wir haben auch ein Wellenmuster herausgefunden: Zunächst gibt es zwei, drei kleinere Wellen, dann kommt die große! Um 11.30 Uhr gehe ich wieder zu diesem Lifestyle Workshop. Heute lautet das Thema: „Must have“ im Kleiderschrank!

Der Workshop war lustig und „ideenreich“. Fazit: Alle Kleider, die du 18 Monate nicht getragen hast, werden ausgemustert! Hoffentlich halte ich das durch! Vor dem Abendessen gab es noch ein Hapag-Lloyd Club Cocktail. Unsere drei „Tischmänner“ hatten uns für den Club eingeschrieben, also wurden wir auch geladen. Aber ich muss ehrlich sagen, diese Veranstaltung hatte keinen Stil, etwas mickrig und dazu kam der Ort der Veranstaltung: Um den Pool, wo es an allen Ecken äußerst windig war. Ich saß da oben, eingewickelt in meine Alpakaweste und fror. Dagegen war das Abendessen wieder ein Highlight. Unsere gute Tischatmosphäre und das hervorragende Essen brachten uns wieder in Stimmung. Thema des Abendessens: „Unsere Köche“. Jeder der 7 Köche hatte sein persönliches Lieblingsgericht gekocht. Im Anschluss konnte man von jedem Koch sein Gericht-Rezept in Erfahrung bringen. Natürlich gab es am Ende einen ohrenbetäubenden Beifall dafür!

17.05.2018

Wir hatten uns den Wecker auf 6.30 Uhr gestellt. Um 7.00 Uhr sollte die Bremen die Kapverdischen Inseln erreichen. Sie liegen in der Höhe von Dakar (Senegal) und sie sind die am weitesten nach Westen in den Atlantik vorspringenden Gebiete Afrikas. Es sind zehn größere und fünf kleinere Inseln vulkanischen Ursprungs, die ein 250 km weit westwärts geöffnetes Hufeisen bilden. Seit 1975 sind die Kapverden eine selbständige Republik. Ihre Hauptstadt ist Cidade Praia. Neun von den Inseln sind bewohnt. Leider legte unser Schiff nicht an, aber es passierte den Kanal von São Vicente. Wir hatten einen prächtigen Sonnenaufgang zwischen den Inseln São Vicente und São Antão. Der Morgen war recht frisch und oben auf dem Hubschrauberlandeplatz (dort hat man die schönste Sicht) wehte ein eisiger Wind. Aber das Frühaufstehen hatte sich gelohnt! Nur Urs leidet. Er hat einen dicken Fuß und kann kaum gehen. Hoffentlich findet der Arzt eine Lösung.

18.05.2015

 

Die Nacht war trotz der alle „2 Stunden Tabletteneinnahme“ von Urs ruhig. Heute Morgen hatte er den Eindruck, dass die Schwellung etwas zurück ging und die Schmerzen nachlassen. Heute wird für uns beide ein ruhiger Tag! Der Himmel ist grau, der Seegang etwas unruhig und die europäische Kälte ist spürbar. Die Bremen befindet sich in Höhe Mauretaniens.

Das Wetter besserte sich am Nachmittag, so dass wir unsere gewohnten Plätze an der Reling und am Lido wieder einnehmen konnten. Auch Urs geht es viel besser! Wir absolvierten den üblichen Tagesverlauf der Bremen: Mittagessen, sVieri, Abendessen.

Morgen müssen wir die Koffer packen…..Schade!

19.05.2018

Der heutige Tag verlief etwas schleppend. Jeder musste Koffer packen (alle 100 Passagiere werden die Bremen verlassen, 2 werden weiter fahren zu den Azoren und Portugal), ich möchte aber nicht. Bei jeder Tätigkeit kommt der Gedanken: Zum letzten Mal! Das Wetter ist der Stimmung angepasst: Grau und kühl, obwohl wir auf der Höhe Marokkos sind! Das Restaurant wollte die Stimmung mit einem „Rustikalen Mittagsbuffet“ etwas heben. Für Urs und mich war das gerade überhaupt nichts: Schweinshaxe, Weisswürste etc. sind für uns ein Grauen! Unsere Koffer waren schnell gepackt und wir konnten uns noch einmal auf den Kaptäns-Abschieds-Cocktail und das Kapitäns-Abschieds-Abendessen freuen. An unserem „Rentnergang“-tisch war die Stimmung gut und wir versuchten die erlernten „Lifestyle“-Regeln bei Tisch anzuwenden bzw. wir beobachteten unsere Lehrmeisterin, ob sie diese auch selbst beachtete. Der Vergleich zur Schule ergibt sich sofort. Der Abend war kurz, da der morgige Tag anstrengend sein wird. Die Koffer müssen bis 6.00 morgens vor den Kabinen stehen!